Filmkritik: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Meine heutige persönliche Filmkritik: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2018)

Die Essenz des Filmemachens: Eine Geschichte erzählen! Hier passiert nicht viel, und das ruhig und zurückhaltend schnörkellos inszeniert, in gemächlichem Erzähltempo. Ich mag das ja sehr. Der Trailer verspricht für mein Empfinden zu viel schwarzhumorige Komödie. Diese Elemente hat der Film natürlich ganz klar, aber gleichzeitig lässt er sich nicht richtig auf eine Genrezuordnung festlegen, bzw. wechselt scheinbar immer wieder in die eine oder andere angrenzende oder auch entferntere Sparte. Für die genannte Komödie ist die Gag-Dichte nicht hoch genug, außerdem gibt es zu viele höchst dramatische, ergreifende Elemente. Ein Drama? Über weite Strecken ist der Film ein ganz ganz hervorragend melancholisches Drama, das durchaus existenziell schwerwiegende und tiefgehende Fragen (Verlust, Schuldgefühl, Krankheit, Lebensende, …) – für viele davon kann es keine Antwort geben – hinter manchem tendenziell salopp wirkenden Monolog verschleiert aufdrängt. Aber für nur Drama ist der Film wiederum wie erwähnt zu schwarzhumorig, und ballert vereinzelt sogar fast schon Kalauer und Slapstick raus (in den Schritt treten, und dann nochmal), inklusive einigem echt derben, aber sehr launig geschriebenem Dialogwitz (‚In diesem Haus gibt es keine Votzen mehr!‘ ‚Ach, willst Du ausziehen?‘). Dazu gibt es sogar unterschwellige Westernelemente, die am deutlichsten in dezenten Musikanleihen durchscheinen (super stimmiger und stimmungsvoller Score, Oscar-nominiert), und inhaltlich, da einige der Konflikte auch immer wieder wie kleine Duelle wirken, und das in einer entsprechend abgelegenen Kleinstadt. Ich würde mich bei einer erzwungenen Genre-Einordnung wohl für eine Art ‚Drama-Groteske‘ entscheiden. Wikipedia definiert ‚Groteske‘ sinngemäß als ‚ästhetische Eigenschaft, die Gegensätze wie Grauen und Komik, Lächerlichkeit und Bedrohung, Zierlichkeit und Monstrosität in eine Einheit bringt.‘ bzw. als ‚eine verzerrte Wirklichkeit, die auf paradox erscheinende Weise Grauenvolles, Missgestaltetes mit komischen Zügen verbindet.‘ Und diese Definition beschreibt den Film so dermaßen treffend, dass man meinen könnte, sie wäre überhaupt erst aus diesem Film heraus gebildet worden. Eine tragische, drückende Grundstimmung (Mord, Ungewissheit, das Gefühl, hilflos zurückgelassen zu werden) mit einem verbitterten Hauptcharakter, die aber immer wieder durch die Obszönitäten und Skurrilitäten aller Charaktere und Situationen durchpflügt wird und zu Lachern animiert, bei denen man nicht genau weiß, ob es nicht doch ein Schlucken oder Schluchzen hätte werden sollen. Von der Unschlüssigkeit, manche Situation moralisch einzuordnen mal ganz abgesehen. Dasselbe gilt für die Charaktere: Es wird schnell klar, dass nicht der eine der Böse und der andere der Sympathieträger ist. Und immer wieder stößt man auf Überzeugungen und Handlungen jeglichen Teilnehmers, die die unbewusst vorgenommene Einordnung wackeln lassen. Trotz des praktisch durchgängig höchst verbitterten und von Zynismus, Beleidigungen, Vorurteilen und Vorverurteilungen durchaus auch klischeehaft geprägten Zusammenspiels (ich zitiere: behinderte Kuh, Pussies, Nigger, Weißbrot-Wichser, Ministranten fickende Priester, Dorf-Zwerg) ist ein wiederkehrendes Element, dass hier und da deutlich wird, dass auch in der tiefsten Abneigung mancher Aspekte des anderen doch noch ein verborgener Keim Verständnis, Respekt und Mitgefühl vorhanden ist, der nicht nur zwischendurch sanft aufkeimen darf, sondern mitunter der unscheinbare Auslöser für manche tiefgehende Veränderung darstellt, und stellenweise wunderbar empfindsame ‚Das Gute im Menschen! Es gibt es doch! Da ist es!‘-Momente kreiert. Für mich einer der interessantesten Aspekte dabei ist, dass viele Zusammenhänge durchaus konstruiert wirken. Aber die daraus entstehenden Folgen und Folgerungen, Überzeugungen, Zweifel und Läuterungen sind so wunderbar feinfühlig plakativ ausgearbeitet, dass ich das einwandfrei als Teil der Inszenierung im Rahmen einer Groteske annehmen und mich darauf einlassen konnte, da die scheinbar eher gegensätzlich ausgerichteten Empfindungen wie von der Definition gefordert ‚in eine Einheit gebracht‘ wurden (z.B. die eigentlich unscheinbare Szene mit dem Orangensaft am Krankenbett, die eine Art kleinen skurrilen Abschluss bildet für allerlei Verstrickungen, die über Umwege zu diesem geführt haben). Zur ‚Unsicherheit‘, in welcher Art von Geschichte ich mich als Zuschauer überhaupt befinde, tragen auch zwei Entwicklungen bei (ich versuche meine Formulierungen spoiler-arm zu halten): 1. dass einer der Hauptcharaktere in der Mitte wegfällt. Dadurch ist gelegentlich unklar, in welche Richtung der Film überhaupt weiterstrebt. Und manchmal glaubt man es zu wissen, und dann holen einen die Geschehnisse doch anders ein. Und 2. das Ende, das eine über Eck mit etwas schlechtem Gewissen zwar halbwegs nachvollziehbare, aber moralisch höchst streitbare Entscheidung suggeriert, allerdings abgemildert durch einen offenen Ausgang. Vielleicht klingt das alles sehr nicht-greifbar philosophisch. Solche Filme finde ich schwer in Worte zu fassen, da die beschriebenen einzelnen Aspekte eng verwoben zusammenwirken, eine Poesie bilden (manche Geschehnisse und Zusammenhänge und wie sie verlaufen beschreiben den zugrunde liegenden menschlich-emotionalen Beweggrund bzw. Entwicklung fast schon wie ein überkonstruiertes, bildhaftes Gleichnis, vor allem unter dem Deckmantel von skurrilem und gerne auch schmutzigen Humor, wie z.B. das Blut ins Gesicht spucken, die bereits erwähnt Szene mit dem Orangensaft, oder die Ausgangssituation an sich mit dem kranken Sheriff und seiner ‚Bringschuld‘, dessen Ermittlungszeit biologisch begrenzt ist, und welche Zusammenhänge die ‚Läuterung‘ von Dixon einleiten) und als Essenz eine Grundstimmung/-schwingung/-empfindung hervorbringen, die einen als Zuschauer eben emotional anspricht oder eben nicht. Mich persönlich hat es enorm angesprochen und ich empfand höchsten Geschichtenzauber. Jemand anders gähnt vielleicht nach 20 Minuten und schaut gelangweilt auf die Uhr, weil er noch über 90 Minuten vor sich hat. Hauptdarstellerin und gleich zwei Nebendarsteller sind Oscar-nominiert. Während ich Woody Harrelson sehr stimmig, aber nicht außergewöhnlich empfand, war ich sehr angetan von der Verkörperung der überwiegend wirklich widerlich verbitterten und zynischen Frances McDormand mit ihrer sehr zurückhaltenden, jedoch punktgenauen und treffsicheren Mimik und Gestik, aber noch mehr vom später geläuterten Ekel Sam Rockwell, der einen fabelhaft sonderbaren Charakter gestaltet. Der Rest des Ensembles ist ebenfalls schön gecastet. Insgesamt hat mich der Film mit all seinen Aspekten – und dabei wiederhole ich mich – einfach mit seiner Grundstimmung/-schwingung/-empfindung in seiner Gesamtheit emotional angesprochen, und ich konnte mich auf die Geschichte wunderbar einlassen. Mein Lieblingszitat von mehreren, und allein hierin lässt sich dieser bissige Humor mit Beigeschmack fühlen: ‚Na, wie läuft es mit dem Foltern von Niggern?‘ ‚Das sagt man nicht! Man sagt Foltern von Farbigen!‘
Und falls ich doch noch was Negatives sagen müsste: Ich empfinde es als vollkommen unverständlich, dass ein Filmtitel wie dieser für die deutsche Version auf Englisch gelassen wird. Ich befürchte, das birgt durchaus die Gefahr, einen Teil Zielgruppe von vornherein zu verpassen.

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